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Liebes Tagebuch, ich kann das alles nicht mehr

20.11.2025

Dostojewski schrieb einst, dass die beste Definition des Menschen wohl «undankbarer Zweibeiner» laute. Und so ungern ich mich mit einem Zweibeiner in einer Meinung wähne: Mit jedem weiteren Tag unter ihnen muss ich einräumen, dass er womöglich recht hatte.

Für manche bin ich ein schlechtes Omen, für andere die dreihundertzweiundvierzigste miesgelaunte Katzenvisage, die sie als Profilbild missbrauchen können. Wie ich damit zurechtkomme? Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich es nicht geniesse. Nichts gibt mir mehr Genugtuung, als die Luft mit schlechter Laune zu verpesten. Leider weiss meine zweibeinige Dienerschaft diese feinsinnige Darbietung nicht immer zu würdigen. Jede noch so kleine Ader in mir schreit nach Missmut – wieso aber gewinne ich den Eindruck, dass diese seltsamen Kreaturen das als niedlich empfinden?

Ich weiche vom Thema ab. 

Jedenfalls war ich zufrieden. Ich war zufrieden, bis ich Katzenfutter wollte und zum ersten Mal in meinen neun heiligen Katzenleben mit etwas konfrontiert wurde, dem sich sonst nur Zweibeiner unterwerfen. Dem Kapitalismus.

Ab da stand fest: Wenn ich einen Menschen sehe, laufe ich von rechts nach links.

Es begann harmlos

… wie so vieles, was im Nachhinein als Tragödie endet. Mein Magen knurrte. Ein Zustand, der, wie allgemein bekannt, nach allen gültigen Naturgesetzen eine sofortige Intervention meiner menschlichen Untergebenen gebietet. Doch es war an der Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Nie werden sie mir das vorsetzen, was ich mir wirklich wünsche. Es übersteigt schlichtweg ihre Fähigkeiten – so wie ein Fisch keinen Baum erklimmen kann, und Hunde kein Taktgefühl haben. Ich musste die Sache selbst in die Pfote nehmen.

Und ja, ich weiss. Das ist unter meiner Würde. Ich lasse mich nur ungern auf so eine Aufgabe herab, doch mir blieb keine Wahl. Wenn man will, dass etwas richtig gemacht wird, muss man es eben selbst tun. Also tat ich das, was eine zivilisierte und bürgerliche Katze so tut, wenn sie sich auf die Suche nach einer würdigen Mahlzeit begibt: Online-Shopping. Oder zumindest wollte ich das.

Doch was ich sah, verschlug mir glatt die Sprache.

Zusammengefasst: Die Preise waren digital, meine Wut real

Ich habe schon vieles gesehen und erduldet, aber das, ja, das schlägt dem Fass den Boden aus. Nichts verachte ich mehr als hohe Preise; kein zitroniges Badewannenwasser, keinen grenzüberschreitenden Roboterstaubsauger, keine unbeholfene Streichelattacke – oh, nicht mal das Bellen eines wütenden Chihuahuas in Dauerschleife könnte mich so zur Weissglut treiben. Kein. Einziger. Deal. War mir gut genug. Und die Erschütterung sitzt tief. Also beschloss ich, auf das zurückzugreifen, auf das eine Katze meines Formats so zurückgreift, wenn ihr etwas auch nur minimal gegen den Strich geht: Widerstand. Aufruhr. Unruhe. Sabotage. Ein nie dagewesenes Chaos. Eine unerbittliche Inszenierung meiner Missbilligung.

Und es dauerte nicht lange, da hatte ich auch schon mein erstes Opfer auserkoren.

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Macht euch auf etwas gefasst ... Quelle: Brack.Alltron | Logistikzentrum Willisau

Brack. Hier lasse ich Gerechtigkeit walten.

Meine Wahl fiel auf Brack. Genauer: Ihr Lager in Willisau. Wenn es nach einer Erklärung verlangt, so sind es vielleicht die unzähligen, (ja, ich gebe zu bequemen) rot-umrahmten Kartonschachteln, die sich geradezu turmhoch in den Zimmern meiner zweibeinigen Dienerschaft stapelten. Und mir stets gegen meinen Willen entrissen wurden, denn ich hatte ja meinen Katzenbaum. Hach. Da sah ich einfach rot. Rot wie die Rahmen der Pakete. Rot wie das Logo. Rot wie die untergehende Sonne über einem Revier, das nicht mehr mir gehörte. Rot. Verständlicherweise dauerte es nicht mehr lange, bis sich aus der Farbe ein Ziel formte. Was soll ich sagen …

Schwierige Zeiten erfordern drastische Massnahmen

Ich roch die Gelegenheit; ein Zusammenspiel aus dem Duft tausender recycelter Kartonschachteln und, zugegeben, eindrücklicher Mechanik. Für Schachteln hatte ich schon immer eine Schwäche. Heute aber durfte ich nicht schwach werden, schliesslich wollte ich erst meinem Zorn Luft machen. Kurzerhand drang ich also in ihr Lager ein. Was die genaueren Umstände anbelangt … so mache ich von meinem Recht zu schweigen Gebrauch. Ich würde jedes mir ansatzweise hohe Preisschild zerfetzen, das sich auch nur aus dem Augenwinkel in mein Sichtfeld erdreistet. Und mehr.

«Wie knauserig kann man sein?», fragst du dich vielleicht gerade.

Meine Antwort: Ja.

So begann schliesslich mein Rachefeldzug. Oder nein, nennen wir es eine liebevolle Revolution; es geht hier schliesslich um nichts Anderes als Gerechtigkeit. Ich zerkratzte Preis um Preis, warf eine Schachtel nach der anderen hinunter; irgendwann spielte der ursprüngliche Preis nicht mal mehr eine Rolle. Vielleicht erscheint es dir nicht vulgär genug. Dennoch, für die Moral der Erzählung musste es subtil bleiben – kein roher Vandalismus, sondern die feine Geste meiner nicht ganz so feinen Unzufriedenheit. Ausserdem ist hier höchste Präzision gefragt. Meine Wut soll spürbar sein, ich jedoch nicht aufspürbar, schliesslich will ich möglichst viele Preise herabsetzen.

Es ist ein Einbruch – der Preise und meiner Würde

Lange dauerte es nicht, bis die ersten Zweibeiner von einem «Einbruch» sprachen. Anstatt jedoch meine (höchst konstruktive und juristisch absolut unbedenkliche) Kritikäusserung offenherzig in Empfang zu nehmen, setzen sie alle Hebel in Bewegung, um mich ausfindig zu machen. Tja. Beinahe hätte die Vernunft diese Wesen eingeholt, doch sie waren leider schneller. Ich werde hier jedenfalls noch weiter wüten; fleissig Preise von den Regalen reissen, Zahlen zerkratzen – denn das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.

 

Quelle Titelbild: brinkertlück

Blacky

Katzensturz

Ich bin, wie ich bin. Lieb mich oder tu uns beiden einen Gefallen und lieb mich nicht. Halte mir aber ja hohe Preise vom Leib – ganz egal, wie gerechtfertigt sie sein sollen.

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