
Mädchen- und Frauenfussball: Weg mit den Klischees!
Delara Nikberg liebt Fussball – quasi schon seit sie laufen kann. Für die Competec-Lernende stand früh fest, dass sie im Profibereich spielen möchte. Doch das ist bis heute noch nicht selbstverständlich, wenn man ein Mädchen ist. Wie es sich anfühlt, als einziges Mädchen unter Jungs zu trainieren und wo Delara dringenden Nachholbedarf bei der Förderung von Mädchen und Frauen im Fussball sieht, erfahrt ihr hier.
Angefangen hat alles zu Hause im Garten. Da kickte Delara mit ihrem Bruder, der schon länger Fussball spielte, um die Wette. Vier Jahre war sie damals alt. Anfangs habe sie immer im Tor gestanden, erinnert sich die 17-Jährige, die bei der Competec eine Lehre als Kauffrau absolviert und erzählt weiter: "Ich mochte es, zu fangen und in die Bälle zu treten". Als sie sechs war, begann sie, beim FC Sarmensdorf zu spielen. Der Vater nahm sie und ihren Bruder immer wieder mit zu Matches, daheim zockte sie FIFA auf der Konsole – der Grundstein für Delaras Fussball-Leidenschaft war gelegt und Real Madrid ihre Lieblingsmannschaft.
"Solange Du Deine Leistung bringst, wirst Du akzeptiert"
Dass Delara beim SC Sarmensdorf ziemlich lange das einzige Mädchen im Team blieb, fand sie nicht weiter schlimm und auch niemand sonst dort. Aber später, als sie mit 13 Jahren zum FC Aarau wechselte, war es schwieriger. "Ich wurde nicht gleich akzeptiert als Mädchen und musste mir meinen Platz erkämpfen", beschreibt sie ihren Start in der Mannschaft. Erst als klar war, dass sie mit ihren Mitspielern auf dem Platz locker mithalten konnte, legte sich das sicherlich auch pubertär bedingte Misstrauen gegen sie. "Am Ende war ich voll in der Mannschaft integriert und habe auch viele Freundschaften geschlossen."
Delara stand inzwischen längst nicht mehr zwischen den Torpfosten, sondern fand ihre Rolle auf dem Platz zunächst in der Verteidigung, später im Sturm. Wenn man sie fragt, ob es sie genervt hat, dass sie quasi immer eine Schippe extra drauflegen musste, nur weil sie ein Mädchen war, sagt sie ganz pragmatisch: "Der Druck hat meine Leistungen verbessert. Und ich denke, das hat mich persönlich weitergebracht."
Riesige Unterschiede beim Training
Als Delara dann vor etwas mehr als einem Jahr zum Frauenteam des FC Aarau kam, war das eine gewaltige Umstellung für sie. "In der Jungen-Mannschaft waren die Trainer sehr hartnäckig. Sie waren eher wie strenge Lehrer. Wenn du nicht gut warst und zu viele Fehler gemacht hast, durftest du nicht spielen", erinnert sie sich. "Da zählte nur die Leistung".
Im U17 Frauen-Team war das plötzlich anders. Dort verhielten sich Trainer eher wie Freunde. "Sie pushen uns nicht so hart oder schreien uns nicht an, wenn wir etwas falsch machen – weil sie denken, wir sind zu sensibel", beschreibt Delara den Unterschied. Daran musste sie sich erst einmal gewöhnen – und auch an ihrer Spielweise etwas ändern. "Ich spiele jetzt nicht mehr so energisch wie früher", sagt sie. Tatsächlich stellt sie fest, dass es im Frauenteam viel häufiger um persönliche Befindlichkeiten geht und manche Mitspielerinnen nur schwer Kritik annehmen können. Genau das müsse man aber, wenn man auf dem Weg zum Profi-Fussball weiterkommen wolle, meint sie. "Wenn du einfach nur aus Spass und als Hobby spielen willst, ist das was anderes und völlig in Ordnung – aber dann würde ich mir einen Verein suchen, der auf Hobby-Niveau bleiben will."
Der Schlüssel liegt in der richtigen Förderung
Die unterschiedliche Herangehensweise beim Training hat viel mit Klischees zu tun, die nach wie vor bestehen. Delara hatte aber das Glück, dass sie von ihrem Trainer sehr unterstützt wurde – und er sie bei ihrem fussballerischen Werdegang lange begleitet hat. "Auf meinem Weg von Sarmensdorf über Suhr bis hin nach Aarau war er immer dabei. Er hat den Jungs auch gezeigt, dass ich als Mädchen sogar besser sein kann als sie."
Sie würde sich wünschen, dass Mädchen und Frauen besser und vor allem individueller gefördert werden. Nur so könnten Stärken und Talent entsprechend herausgearbeitet werden. Dass das im Frauenfussball viel früher passieren muss als bei Männern, hängt schon mit den körperlichen Voraussetzungen zusammen. Männer haben bei den meisten sportlichen Disziplinen durch die Unterschiede bei Muskelmasse, Fettgewebe und Stoffwechsel eine bis zu 20 Prozent höhere Leistungsfähigkeit. Das macht sich auf dem Fussballfeld unter anderem bei Schnelligkeit und Dynamik bemerkbar. "Man kann das individuell trainieren", erklärt Delara. "Aber es ist sehr hart und erfordert sehr viel Disziplin."
Für den Traum übers Limit hinaus gehen
Für sie war trotzdem schon früh klar, dass es nicht beim Hobby-Fussball bleiben soll. Delara hat die Oberstufe an einer Sportschule absolviert und macht jetzt eine Sportlehre. Das heisst, sie arbeitet auf 80%-Basis und verbringt die übrige Zeit im Training - sechs Mal die Woche. Das hinterlässt Spuren. Sie selbst musste bereits erfahren, dass die ständige Belastung ihren Körper an seine Grenzen bringt. Wiederholt hatte Delara Probleme mit langwierigen Verletzungen. Sie sagt: "Sich danach immer wieder auf das alte Leistungsniveau zurückkämpfen zu müssen, ist frustrierend. Es wird jedes Mal schwerer."
Nach ihrer dritten Knieverletzung wollte sie hinschmeissen, hatte die Lust und die Motivation verloren. "Ich dachte, ich kann es nicht mehr schaffen. Aber dann habe ich mich an meinen Traum erinnert. Und ich wollte nicht, dass all die Zeit, die ich bereits in den Fussball investiert habe, umsonst war. Deshalb habe ich nicht aufgegeben." Trotz ihres noch jungen Alters weiss Delara, wie wichtig die richtige Einstellung im Sport ist. "Talent allein bringt Dich nicht an die Spitze", bringt sie es auf den Punkt.
Wie geht's weiter mit dem Frauenfussball?
Erst spät hat Delara begonnen, sich für Frauenfussball an sich zu interessieren. "Das lag irgendwie nicht in meinem Blickwinkel", erklärt sie. Doch seit sie im Frauenteam des FC Aarau ist, hat sich der Fokus verschoben. Inzwischen schaut sie sich auch Spiele von Frauenmannschaften an und verfolgt die Entwicklung. Sie sieht die grosse Aufmerksamkeitslücke, mit denen der Frauenfussball nach wie vor zu kämpfen hat. Und auch, dass sich im Männerfussball durch Marketing und Werbeverträge viel mehr verdienen lässt – sowohl als Verein als auch als Spieler. Das sei nicht gerecht. "Ich finde es aber grundsätzlich falsch, dass manche Profis Millionen kassieren und andere Menschen in viel wichtigeren Jobs nicht."
In anderen Ländern wie Frankreich oder in USA hat Frauenfussball bereits einen anderen Stellenwert als hierzulande. Aber Delara sieht die Schweiz auf einem guten Weg: "Immer mehr grosse Clubs stellen inzwischen Frauenteams auf". Das freut sie. Und auch, dass der Schweizer Cupfinal der Frauen im Letzigrund in diesem Jahr vor einer Rekordkulisse ausgetragen wurde: mit fast 8000 Gästen auf den Rängen.
Das Wichtigste für deinen Fussball-Kick-Off
Redaktorin Contentmarketing/PR
Als Kind wollte ich meinen eigenen Zirkus gründen, am Ende bin ich Journalistin und Online-Redaktorin geworden. Das ist auch manchmal ein ganz schöner Zirkus… aber ich liebe ihn! Seit August 2021 jongliere ich mit Wort und Schrift fürs BRACK.CH Contentmarketing-Team.
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